Schließung der Balkanroute: eine Auswanderungsgeschichte

Hassan hat einen Traum: er will nach Deutschland fliehen. Syrien ist nicht für seine Familie geeignet, es ist zurzeit für keine Familie geeignet. Denn es gibt Krieg. Es gibt Zerstörung. Es gibt Tod. Es gibt Hunger. Es gibt Daesh. Deshalb muss er nach Deutschland. Seine Familie kann er aber nich verlassen. Auch nicht für ein paar Wochen, um dort ein Heim für sie zu finden. Diese Möglichkeit gibt es aber doch jetzt kaum. Diese ist die Geschichte Hassans. Diese ist die Geschichte von Millionen Personen, die in Europa ein gefahrloses Leben verbringen möchten.

 

Heute ist der Tag, von dem wir seit anderthalb Jahren geträumt haben. Ich habe zwei Kinder, zwei junge Söhne. Und natürlich auch meine Frau. Wir haben diese Entscheidung vor anderthalb Jahren getroffen, als die Truppen Daeshs ein Nachbardorf „besucht“ haben und junge Mädchen als sexuelle Sklaven genommen und Männer einfach hingerichtet haben. Die wenigen, die das Ereignis erlebt und überlebt haben, haben alles verloren: ihre Söhne, ihre Töchter, ihre Ehefrauen, ihre Nachbarn. Nicht ihre Freiheit, sagen sie. Nicht ihre Würde, sagen sie. Aber was für eine Freiheit bleibt es dem Mensch übrig, wenn er sie mit niemand teilen kann? Meine Söhne sind 11 und 13, meine Frau ist 34. Frei sind wir nicht. Niemand ist frei in Syrien. Denn Freiheit ist ein Luxus, und Luxus gibt es hier keinesfalls. Wir leben im Angst und im Armut und Würde haben wir auch nicht.

Heute ist der Tag, von dem wir seit anderthalb Jahren geträumt haben. Wir haben US$1800/Erwachsene ausgegeben, und US$1500/Kind. Wir haben doch versucht, einen Rabatt zu erhalten, aber „zu diesem Preis ist es ja geschenkt!“, hat uns Ahmed geantwortet. Wir sind doch nicht reich, und US6600$ ist für uns sehr viel. Ich verdiene US$15/Tag, aber wir können uns darauf nicht beklagen. Ahmed has uns versprochen, wir seien nur 30 im Schlauchboot zwischen Bodrum und der Insel von Kos, deshalb der Preis. „Viele erhalten einen Rabatt, aber dann sind sie 50 im Boot, und es gibt hohe Risiken. Sie müssen zwischen Sicherheit und Geld auswählen“. Und mit zwei Söhnen war die Wahl ganz einfach.

Heute ist der Tag, von dem wir seit anderthalb Jahren geträumt haben. Die Rucksäcke sind seit langem gepackt. Wir bringen nicht viel mit. Viel haben wir sowieso nicht: Kleider und unserer Koran. Abdallah und seine Familie sind vor zwei Monaten durch die Türkei und die Balkanländer auf dem Weg nach Deutschland geflohen. In Köln gibt es eine große Gemeinschaft von Alawiten, hat er uns einmal gesagt. Mit ihm und seiner Familie haben wir seitdem keinen Kontakt gehabt, aber sie sind nicht zurückgekommen. Das bedeutet, dass es ihnen gut geht. Wir werden sie dort treffen. Wir können darauf kaum abwarten! Zuerst nach der Türkei, dann Griechenland, Mazedonien, Kroatien, Serbien, Ungarn, Österreich, und schließlich Deutschland, unserem Ziel.

Heute ist der Tag, von dem wir seit anderthalb Jahren geträumt haben. Wir sind jetzt in Bodrum und warten seit sieben Stunden auf Samir, unseren Schlepper. Einige unserer Leidensgenossen warten seit einem Tag, denn zwei Sclauchboote sind gesunken. „Das passiert aber nicht so oft“, wurden wir gesagt. „Nur mit denjenigen, die wenig bezahlt haben“. Wir sind darum erleichtert, weil das uns nicht betrifft. Hier gibt es nicht nur Syrer, sondern auch Afghanen und Iraker. Sommer in Bodrum sieht doch ganz anders als in Syrien. Wir sehen viele Ausländer im Hafen. Wir kommen ihnen aber nicht näher. „Es kann gefärlich sein“, sagt uns Mahdi. An diesem Moment denke ich: „Diese Leute werden unsere Nachbarn sein, und sie haben Shorts an!“.

Heute ist der Tag, von dem wir seit anderthalb Jahren geträumt haben. Das Boot ist fertig, es wartet auf uns. In einer Stunde sind wir in Europa. Wir steigen einer nach dem anderen auf. Zehn, zwanzig, dann sind wir dran. „Es gibt schon keinen Raum“, denke ich. Meine Frau, meine Söhne, dann ich. Wir sind schon 27, und ich kann immer noch 20 Personen sehen. Das Boot ist wahrscheinlich bloß für 20 geeignet. Und da sind wir jetzt 40, mit unserem Gepäck. Ich betone, wir wurden gesagt, dass wir 30 wären. „Manchmal sind es sogar 60. Es gibt viele Personen, die seit langem warten. Wenn ihr wollt, könnt ihr gerne austeigen und auf das nächste warten“, antwortet der Bootfahrer. Wir warten schon seit anderthalb Jahren, aber wir wollen nicht mehr warten. Das macht nichts, Europa ist nur eine Stunde weit entfernt. Vielleicht sogar weniger. Was kann denn passieren? Wir fangen Rettungswesten auf, und los geht es.

Heute ist der Tag, von dem wir seit anderthalb Jahren geträumt haben. Das Wasser ist kalt. Die Rettungsweste meines Sohns ist kaputt. Ich gebe ihm meine und weiß auf diesem Moment, dass alles in Ordnung sein will. Wir sind hier seit 40 Minuten. Ich werfe meiner Familie einen letzten Blick zu, und atme tief. Tiefer und tiefer werde ich angezogen. Ihre Figuren werden unschärfer und unschärfer, aber meine Augen will ich nicht schließen. Als ich hier bin und meine Familie langsam verlasse, weiß ich, dass es sich alles gelohnt hat.

Meine Familie ist frei. Ich bin frei. Ich bin glücklich.

Heute war der Tag, von dem wir seit anderthalb Jahren geträumt hatten. Heute war der Tag, von dem Millionen seit anderthalb Jahren geträumt hatten.

 

Jedes Jahr, Hunderte von Menschen kommen ums Leben auf dem Weg nach einem besseren Leben. Die sind Syrer, Afghanen, Iraker, Algerier, Libyer, Nigrer, Malier, Eritreaner und viele mehr. Die sind nicht nur Flüchtlinge, die sind kein Status, die sind vor allem Menschen. Während die Europäische Union es am 7. März entschlossen hat, die Balkanroute für die aus wirtschaftlichen Gründen Flüchtlinge definitiv zu schließen, werden sich diese Menschen zwischen dem Tod in ihrem Land, dem Tod im Mittelmeer und unmenschilichen Lebensbedingungen in einem Flüchtlingslager entscheiden sollen. Das ist keine Antwort, Bundeskanzlerin Merkel, Präsident Hollande, Premierminister Cameron, Ministerpräsident Orbán und Bundeskanzler Faymann. Ich bin allerdings damit einverstanden, dass wir nicht alle diese Menschen in unseren Wirtschaften absorbieren können. Die Lösung habe ich nicht, und ich schlage auch nichts vor. Ich glaube trotzdem, dass die Zivilgesellschaft den Regierungen bei der Formulierung von Public Policies helfen kann. Aber der Bürgerschaft hört die EU nie zu. Wir sind circa 509 Millionen Menschen in der EU. Es ist so gut wie sicher, dass jemand eine kluge Idee hat – mindestens eine klügere Idee.

Diese Menschen sind nicht das Problem, sie sind die Lösung. Ihre Integration in den europäischen Gesellschaften würde natürlich nicht leicht sein, aber viele brauchen einfach nur eine Möglichkeit. Die Eltern werden leider nie voll integriert sein, aber die Kinder, Großkinder, Großgroßkinder allmählich schon. Das braucht natürlich gezielte Integrationspolitiken. Im Fall Deutschlands können sie sogar die Antwort auf das Demographieproblem bestehen. Egal, ob sie aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen emigrieren wollen. Sie kommen, weil sie einfach keine andere Wahl haben. Wenn ihr sie nicht willkommen wollt, dann sölltet ihr ihnen eine Alternative anbieten.

Ich habe diesen Text auf Deutsch verfasst, um zu sagen, dass viele dieser Menschen sich integrieren wollen – und sich durchaus bewusst sind, dass sie sich integrieren sollen – und dass Deutschland, die an der Spitze der EU ist, viele dieser Menschen aufnehmt. Die nächsten Generationen werden die Sprache des Landes können: Deutsch, im Fall Deutschlands. Diese Menschen sind nicht unsere Feinde, weil es bedeuten würde, dass die Menschlichkeit unserer Feind ist. Und davon handelt es sich normalerweise nicht. Bitte, bemüht euch, und findet eine würdige Lösung. Refugees lives matter.

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